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Reportage
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Das Audionet-Klanglabor

Zahlreiche Winkel aus HDF verleihen der Decke akustisch optimale Eigenschaften. Das zerklüftete Profil bietet zusammen mit der Beleuchtung interessante ästhetische Akzente

Für den Audionet-Hörraum galt es allerdings gleich zwei Gratwanderungen zu leisten: Der Raum sollte ebenso als Mehrkanal-Hörraum wie als Stereo-Hörraum geeignet sein, obgleich der Schwerpunkt auf die zweikanalige Musikwiedergabe gelegt wurde. Darüber hinaus muss das Audionet-Team seine Komponenten in einem klanglichen Umfeld testen, das sowohl einwandfreies analytisches Hören ermöglicht als auch den Ansprüchen aus der Perspektive eines Musikhörers gerecht wird, eine Mischung aus privatem Hörraum und Abhör-Raum kommt also den Bedürfnissen von Audionet am nächsten. Ansonsten war die Zielsetzung für das Konzept von Uwe Kempe simpel definiert: So wenig Kompromisse eingehen wie eben möglich.

Nach den Messungen im Raum und der anschließenden Berechnung der Impulsantwort folgten aufwändige Kalkulationen für die Konstruktion der einzelnen akustischen Elemente beziehungsweise des gesamten Ensembles. Dann endlich der erste praktische Arbeitsschritt in dem das Projekt langsam Gestalt annahm: Alle Raumakustik-Elemente werden zuerst als Modell im Maßstab 1:5 gebaut und danach gemessen. Als schließlich sämtliche Parameter mit dem Soll übereinstimmten, begann viel schweißtreibende, zeitintensive Arbeit für die Bochumer Mannschaft, denn Audionet hatte sich dazu entschlossen, einen Gutteil der akustischen Elemente selbst anzufertigen.

Die Ausgangslage hätte manch anderen verschreckt: Einzig die Form und die Abmessungen des Rohbaus boten günstige Voraussetzungen, die Stirnwand setzte sich überwiegend aus Fenstern zusammen und eine seitliche Wand ist im Originalzustand zu dünn – die raumakustischen Maßnahmen bedeuteten einen weit reichend neuen Innenausbau. Um die hohen Anforderungen umsetzen zu können, bilden die akustischen Elemente neue Wände und eine neue Decke - im fertigen Hörraum ist kaum noch ein Quadratzentimeter der Bausubstanz sichtbar. Freilich brachte der Rohbau andererseits einen beneidenswerten Vorteil mit sich: Im Gegensatz zu vielen Privatleuten brauchte sich Thomas Gessler um bestehende Einrichtung keine Gedanken machen und konnte kompromisslos von Grund auf einen akustisch optimierten Raum bauen.

 

Hinter dem mehrschichtigen Aufbau der Stirnwand befindet sich eine Fensterfläche, die durch Dämmschichten und die sichtbaren Elemente akustisch neutralisiert wurde

Dessen Innenarchitektur ist passend zum Credo von Audionet ganz pur von seinem Zweck als Hörlabor geprägt, die zahllosen Akustik-Elemente bilden außer dem Laminatboden schlicht den einzigen Innenausbau und wirken fast allein als Dekoration. Was sich vielleicht wenig wohnlich oder anderweitig reizvoll anhört, wirkt in natura allerdings nicht nur imposant: Farbliche Abstufungen der Hölzer und eine Fülle großer und kleiner Formen, die sich zu Mustern zusammenfügen, eröffnen dem Betrachter immer neue Perspektiven, offenbaren immer neue Facetten der Ordnung im scheinbaren Chaos. Akustische Notwendigkeiten wurden hier gekonnt als Stilmittel aufgegriffen, anstatt mit allzu viel wohnraumüblichem Beiwerk eine betont gemütliche Atmosphäre schaffen und im Grunde den Charakter des Hörraums kaschieren zu wollen. Nur einige wenige Designer-Sitzmöbel und Lampen setzen neben den HiFi-Racks gestalterische Akzente und vollenden die avantgardistische Ausstrahlung des Raums.

Keilförmige Elemente aus hochverdichtetem Faserholz dominieren die Optik der Raumdecke, dazwischen wurden etwa einen halben Quadratmeter große quadratische Sperrholz-Elemente platziert, die wegen ihrer vielen kleinen quadratischen Aussparungen an Setzkästen erinnern. Diese unterschiedlich tiefen Aussparungen sind in variierenden Strukturen angeordnet, um ein bestimmtes Diffusions- und Reflexionsverhalten hervorzurufen. Zum selben Zweck wurden zahlreiche dieser Elemente an den Wänden zu größeren Formen kombiniert, besonders die Stirnwand bietet durch ihr symmetrisches Muster einen interessanten Anblick: Hier befinden sich zwischen den Sperrholz-Elementen einige genauso große Absorber aus verhautetem Kautschuk.

Akustische Notwendigkeiten wurden gekonnt als Stilmittel aufgegriffen: Die Innenarchitektur des Raums ist pur von seinem Zweck als Hörlabor geprägt, zahllose Akustik-Elemente wirken fast allein als Dekoration

In erheblich größerer Ausführung finden sich diese schwarzen Elemente aus elastischem Polymer zusammen mit HDF-Wandelementen, deren poröse Oberflächen Lochungen unterschiedlicher Größe aufweisen, an beiden Seitenwänden. Um die Fensterfläche der Stirnwand zu verschalen und die Seitenwände an zwei Stellen zu verstärken, sind einige Wandelemente doppellagig: Hinter den Sperrholz-Vorderteilen ist ein etwa zehn Zentimeter starkes Sandwich aus mehreren HDF-Schichten, Sperrholz und Dämmstoff montiert. Dicke Vorhänge in den Raumecken verbergen vom Boden bis zur Decke reichende Aluminiumplatten, daneben reihen sich Sperrholz-Konstruktionen mit wiederum unterschiedlich tief gefrästen Längsausschnitten aneinander und verkleiden die gesamte Fläche der Rückwand. Vor der Anlage befindet sich entlang der Basisbreite der Lautsprecher ausgelegt eine Matte aus speziell aufgeschäumtem Kautschuk, die wie eine Entspannungsmatte aussieht, bei Audionet jedoch – wie mir nachdrücklich versichert wurde - ausschließlich dazu dient, frühe Reflexionen vom Boden zu absorbieren. Zuhause lässt sich diese Tuning-Maßnahme mit einem etwas dickeren, aber nicht zu langflorigen Teppich adaptieren, Präzision und Tonalität profitieren schon von diesem einfachen Kniff allein deutlich hörbar.

Dieses Sandwich-Element verstärkt eine dünne Seitenwand: Hinter den Lochplatten und Diffusorkästen ist eine äußerst robuste Konstruktion aus mehreren Lagen HDF mit Dämmstoffen angebracht
Das akustische Tuning der Rückwand besteht im Wesentlichen aus diesen Sperrholz-Elementen mit Längsaussparungen
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