dCS Lina Network DAC X im Test:Technologie und Hörtest
Angesichts digitaler Signalverarbeitungsprozesse und des enormen Aufwands, der getrieben wird, um sie zu perfektionieren, erscheinen die guten alten Tugenden des Gerätebaus nicht mehr so relevant wie in anlogen Schaltungen - weit gefehlt. Auch dCS hatte früh die Bedeutung elektromechanischer Störeinflüsse erkannt und widmet sich akribisch deren Minimierung. Abstand zwischen sensiblen Sektionen wie der Clock und dem Wandler einerseits und der Stromversorgung andererseits stellen ein einfaches Mittel dar, um Einstreuungen zu reduzieren, und an dieser Stelle spielen die Ingenieure den Vorteil der klassischen Komponentenbreite voll aus: Während die linke Gehäusehälfte fast die gesamte Elektronik beherbergt, ist die rechte Hälfte beinahe leer. Dort findet sich lediglich der Impulsgeber des Lautstärkereglers, die Netzbuchse nebst Filterung und das geschirmte Schaltnetzteil. Obwohl die netzspannungsführenden Bauteile hier räumlich erheblich weiter von der Signalelektronik abgesetzt sind, werden sie zusätzlich geschirmt: Das Netzteil ist in einer Mulde an der Innenseite des Sockels montiert, deren Ränder bei geschlossenem Gehäuse bündig mit ihrem Gegenstück im Gehäusedeckel abschließen - die Platinen in der rechten Gehäusehälfte sind nach dem gleichen Prinzip in die Chassiskonstruktion eingebettet. In der Gehäusemitte isoliert eine vertikale Trennwand die Digitalelektronik von der Stromversorgung, sodass beide Sektionen in jeweils einem vollständig abgeschlossenen Gehäuseabteil arbeiten.

- Der proprietäre Ring-DAC verwendet für dasselbe Bit nicht immer dieselben Kombinationen aus insgesamt 48 Spannungsquellen: Für jedes Bit kann jede beliebige Kombination geschaltet werden, was eine Dekorrelation von Amplitudenfehlern und Audiosignal ermöglicht (Bild: dCS)

- Das Flex-Rigid-Leiterplattendesign verbindet starre Platinen mit flexiblen Polyimid-Folien, um platzsparende Layouts zu realisieren und obendrein mechanische Spannungen zu minimieren (Bild: dCS)
Bemerkenswert ist, wie viel Augenmerk dCS auf ursächlich rein mechanische Aspekte legt: Masse und Steifigkeit des aus einem Block gefrästen Aluminiumsockels lassen Schwingungsübertragungen kaum eine Chance, darüberhinaus trägt die Form bestimmter Ausfräsungen im Inneren zur Resonanzoptimierung bei. Zudem absorbieren filzbeklebte Aluminiumfüße von außen einwirkende Vibrationen. Auch das sogenannte Flex-Rigid-Leiterplattendesign, das starre Platinen mit flexiblen Polyimid-Folien verbindet, wird unter anderem eingesetzt, um mechanische Spannungen zu minimieren. In erster Linie jedoch findet diese Technologie hier Anwendung, weil sich damit besonders elegant dreidimensionale, platzsparende Layouts realisieren lassen - die horizontale Platine, auf der auch der Ring-DAC sitzt, wird an allen Seiten von kleineren, vertikal angeordneten Boards flankiert. Diese räumliche Anordnung war in selber Weise im Lina DAC umgesetzt worden; das Innenleben der linken Gehäusehälfte des Lina DAC X sieht mit Ausnahme der Netzbuchse und der Netzfilterung, die hier im rechten Teil untergebracht sind, identisch aus.

- Zwei AES/EBU-Schnittstellen, die im Zusammenspiel mit entsprechend ausgestatteten Quellen den dualen AES-Modus ermöglichen, bedienen höchste Ansprüche (Bild: dCS)
Hörtest
Den Anfang der Hörsession macht, wie seinerzeit mit dem Lina DAC, ein wohlvertrautes Lieblings-Jazzalbum, zugespielt mit Qobuz innerhalb der Mosaic-App: »City Of Broken Dreams« vom Giovanni Guidi Trio, das damit 2013 sein Debüt gab. Diese hervorragende ECM-Einspielung ist voller Klangfarbendetails, die beim Equipment schnell die Spreu vom Weizen trennt. Der Lina DAC X demonstriert nach wenigen Takten eindrucksvoll sein Können, wenn João Lobo bei »City Of Broken Dreams« die Becken antupft: es klingt nach hölzernen Sticks und messingglänzenden Tellern, das filigrane Klanggeschehen hat Körper und messerscharfe Konturen. Dann Perlen die ersten Noten des Pianos leise aus der Tiefe der Bühne, die sich nicht erst bei mehr Instrumentaleinsatz eröffnet, sie ist als atmosphärischer Raum von Anfang an präsent. Ich bleibe noch eine Weile bei der Musik des italienischen Jazzpianisten und Komponisten, jetzt läuft das 2024 veröffentlichte Album »A New Day«, dass Giovanni Guidi zusammen mit Thomas Morgan am Kontrabass und João Lobo am Schlagzeuger eingespielt hat, die seit dem Debütalbum seine Wegbegleiter sind. James Brandon Lewis bringt hier am Tenorsaxofon bei vier der sieben Stücke neue Perspektiven ins Spiel. Seine Solos stecken voller Leichtigkeit und Finesse, während er dem Saxofon tonale Facetten entlockt, die den Tonumfang des Instruments voll ausschöpfen. Der Lina DAC X zeigt bei »Only Sometimes« einmal mehr, dass auch er in Sachen Klangfarben aus dem Vollen schöpft, feinste Schattierungen werden mühelos hörbar, wirken jedoch nie herausgearbeitet.

- Das hochauflösende Display ist zwar deutlich kleiner als die Glasfläche, aber dank seiner Kontraststärke selbst bei hellem Tageslicht ausgezeichnet lesbar (Bild: AV-Magazin)

- Seit der diesjährigen High-End-Messe ist Dominique Fils-Aimé offiziell Botschafterin des guten Klangs, ihre lupenreinen Produktionen haben dies schon immer offenbart. Der Lina DAC X macht ihre ausdrucksstarke Musik zum besonderen Erlebnis
Beim aktuellen Album »My World Is the Sun« von Dominique Fils-Aimé klingen Percussion, Trompete und Bassgitarre tonal und dynamisch absolut glaubhaft, vor allem aber gelingt die Abbildung der Gesangstimme mit geradezu frappierender Natürlichkeit: Der Lina DAC X trifft ihr warmes Timbre auf den Punkt, bildet die Stimme haarscharf ab sowie richtig proportioniert ab und macht die organische Ebene des vokalen Agierens erfahrbar. Bei »Rhythm Of Nature«, das mit Percussion und Effektsounds ein sehr weitläufiges Panorama zeichnet, erfüllt die Abbildung die gesamte Breite des Raumes, während sich die Bühne zugleich präzise gestaffelt weit in die Tiefe erstreckt und taghell ausgeleuchtet wird. Dabei wirkt die Darbietung nicht im geringsten analytisch, der Lina DAC X führt vielmehr exemplarisch vor, dass Informationsfülle und Authentizität im Grunde ein und dasselbe sind. Der stimmungsvolle Dialog zwischen Gesang und Trompete ist atmosphärisch maximal aufgeladen, die Stimme schwebt über dem Geschehen, lang ausklingende Hallspuren vermengen sich mit Synthesizerklängen. Dabei gibt die entschleunigte Spielweise des Lina DAC X dem kontemplativen Moment dieses Titels genau den richtigen Raum um sich voll zu entfalten - da blendet sich die Außenwelt von ganz alleine aus.

